Widerstand gegen die Y-Trasse

Sie stehen auf Feldern, am Straßenrand und in den Dörfern entlang der Strecken: große, rot/weiße Bretter, gekreuzt zu einem »X« – das Zeichen für Widerstand. Aber auch ein aus Strohballen nachgebauter ICE oder Strohpuppen zeigen den kreativen Protest gegen die Y-Trasse. »Das heute in der Region bekannte Schienenkreuz aus Holz ist ein Vinstedter Produkt«, erzählt Friedrich-Karl Bodin, Landwirt aus Vinstedt. Die Einwohner des Dorfes in der Gemeinde Natendorf sind Widerständler der ersten Stunde und das aus gutem Grund. Denn die neugebaute Bahntrasse würde ihre Gemeinde mit den acht Ortsteilen und die Naturlandschaft zerschneiden. Einer Trassen-Strecke von rund dreieinhalb Kilometern entlang des Dorfes würden die Lebensqualität der Einwohner und eine Ackerfläche von mehr als 20 Hektar zum Opfer fallen. Kommt die neue Bahntrasse wie geplant, würde das Umfeld vieler Orte im Landkreis zerstört. Das wollen die Menschen nicht hinnehmen. Sie organisieren den Widerstand.

 

Das »X« als Zeichen des Widerstands

»Wir können doch nicht einfach zugucken, wie unser Lebensraum zerstört wird«, sagt Y-TrasseBodin. Schnell verbreitete sich der Geist des Widerstands nach ersten Auftaktveranstaltungen in der Gemeinde Gerdau, wo die Besucher erstaunt und zum Teil entsetzt darüber waren, wie wenig Informationen sie bisher als Betroffene über die Pläne der Deutschen Bahn erhalten hatten. Von daher war es logisch, dass sich die Aktivisten der ersten Stunden auf den Weg gemacht haben, um auch in anderen Orten ihre mühsamen Recherchen aus dem Internet vorzustellen, denn Karten, Luftbilder und Erläuterungen mussten erst intelligent zusammengefügt werden, um die ganze Bedrohung zu erkennen.

Das führte dann im August 200 Menschen zu einer nächsten Info-Veranstaltung in Hohenbünstorf zusammen und der Widerstand nahm in der Gemeinde Natendorf mit ungeheurer Kreativität so richtig Fahrt auf. Als ein einprägsames Symbol für den Protest gesucht wurde, übernahmen die Vinstedter den Gedanken, das Symbol des Atom-Widerstands zum Schienenkreuz zu machen: das »X«. In nur fünf Tagen bauten die Einwohner 100 Schienen-Kreuze, strichen rote Leuchtfarbe drauf – heute sieht man das Kreuz als Symbol entlang der geplanten Trasse an vielen Stellen durch die Landkreise von Celle bis Harburg. »Diese Aktion hat die Menschen im Ort zusammengeschweißt und sie miteinander ins Gespräch gebracht«, sagt Bodin.

In vielen Orten der betroffenen Landkreise haben sich Bürgerinitiativen zusammengeschlossen. Das »Bürgerbündnis Nordheide«, der Verein »Pro-Lebensraum e.V. Eimke-Wriedel« oder das »Aktionbündnis für die Ostheide« und andere Initiativen arbeiten eng zusammen. »Wir ziehen überregional an einem Strang, denn wir wollen nicht, dass die Regionen gegeneinander ausgespielt werden«, erklärt Bodin.

 

Die Bürger informieren und mobilisieren

Rund 100 Schlepper bahnten sich am 25. September ihren Weg durch Uelzen. Die Landwirte aus der Region hatten mobil gemacht. Die Bahn hatte zu einem Informationsgespräch geladen und die Bürger kamen – die Stadthalle platzte aus allen Nähten, viele Menschen protestierten vor der Halle. »Unser erstes Ziel ist es, die Bürger mitzunehmen und darüber zu informieren, was die Bahn plant und was für Folgen das für die Region hätte«, so Bodin. Die Bahn sollte nachhaltig beeindruckt werden. »Die Verantwortlichen sollten erkennen, dass es hier massiven Widerstand gibt, den man nicht so einfach wegwischen kann.«

Das geplante Dialogverfahren des Landes Niedersachsen sieht Bodin kritisch. »Wichtig ist, dass die Bürgerinitiativen gut vertreten sind. Doch bisher ist noch gar nicht klar, wie das Verfahren ausgestaltet werden soll. Wir bekommen von Land und Bahn keinerlei Informationen über die Planungen. – Von Dialog kann man da nicht reden.« Bodin kritisiert zudem, dass keine unabhängigen Gutachten vorliegen, denn die Experten arbeiten im Auftrag der Bahn. »Wir sind ja alles Laien und auf die Hilfe von unabhängigen Gutachtern angewiesen.«

 

Fünf Varianten und Ausbau der Bestandsstrecken

Die Deutsche Bahn möchte mit einer neuen Bahntrasse zwischen Hamburg, Bremen und Hannover die Hafen-Hinterland-Anbindung der Häfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven verbessern. 2012 wurden verschiedene Alternativen zur Y-Trasse untersucht. Fünf Varianten wurden von der Bahn vorgeschlagen, von denen vier gravierende Auswirkungen auf den Landkreis Uelzen hätten. So gibt es Planungen für eine Neubaustrecke von Ashausen nach Suderburg oder von Ashausen nach Unterlüß. Allerdings könnten auch die bestehenden Strecken über Lüneburg, Uelzen und Celle ausgebaut werden. – Der Gedanke hinter der neuen Trasse war, dass Waren aus den Häfen schneller nach Süden transportiert werden können. Ein Punkt, den die Gegner der Y-Trasse kritisieren. »Seit Öffnung der Grenzen in den 90er Jahren hat sich der Warenverkehr nach Osten verlagert, die Planungen zur alten Y-Trasse sind somit veraltet«, sagt Bodin. Positive Impulse für die Region durch die Strecke gebe es keine. Nur die großen Metropolen, Hamburg und Hannover, profitieren. »Der ländliche Raum wird den Metropolregionen geopfert: Auch das können wir nicht hinnehmen««

Für die Gegner kann es nur einen Ausbau der Bestandsstrecken geben. Das wird allerdings von den Menschen im Suderburger Land kritisch gesehen. »Die Lärmbelästigung könnte dort dramatisch steigen, also muss die Bahn in besseren Lärmschutz investieren und das kostet viel Geld«, vermutet Bodin. Die Initiativen suchen den Schulterschluss. Anfang November haben sich die überregionalen Gruppen getroffen, um eine gemeinsame Stellungnahme zu erarbeiten. Darin werden ein Ausbau der Bestandsstrecken vor einem Neubau sowie eine neutrale fachliche Beratung im Zuge des Beteiligungsverfahrens gefordert.

 

Ein langer Atem

»Die Y-Trasse ist ein Thema für Generationen«, sagt Bodin. Der Landwirt rechnet damit, dass die neue Strecke erst um 2030 fertig würde. »Dabei argumentiert die Bahn, dass sie jetzt eine Entlastung brauche, das ist völlig unrealistisch.«

Die Protestbewegung muss also einen langen Atem beweisen. »Ich habe in dieser Zeit auch viel gelernt. Zum Beispiel: Wie organisiert man Widerstand? Welche Mittel hat man? Ich empfinde es als Privileg, dass man in diesem Land frei seine Meinung sagen kann und unser Staat verpflichtet ist, uns bei der Durchführung von Demonstrationen zu unterstützen«, betont Bodin. Den kreativen Protest am Leben zu erhalten, ist jetzt die Aufgabe der Betroffenen. »Wir planen immer wieder kleine Aktionen, damit das Engagement nicht erlahmt und das Thema präsent bleibt.« So soll um Weihnachten herum ein »Feuerzug« entlang der Y-Trasse entstehen. »Ich finde es bemerkenswert, wie bei diesem Protest die Menschen zusammenfinden. Alte, Junge, Arbeiter, Selbständige, Schüler und Rentner: alle sind mit dabei. Protest bringt die Dörfer und Menschen zusammen! – Und er lohnt sich immer.« [Nicole Lütke]

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein um hier zu kommentieren.